Ausgelesen: Als Luther vom Kirschbaum fiel und in der Gegenwart landete. Von Albrecht Gralle.

Also: Es ist ja so. Ich habe kein besonders großes Faible für christliche Literatur. Das hat verschiedene Gründe, unter anderem bin ich kein Sachbuch-Fan, und ich tue mich schwer mit Ratgebern. Damit scheidet schon mal das meiste aus. Und der Rest gefällt mir so selten, dass ich es aufgegeben habe, immer wieder diese Sparte zu besuchen.

Dieses Buch hier wurde mir ausgeliehen, und weil es von einer lieben Freundin mit besten Empfehlungen kam, habe ich mich breitschlagen lassen. Was soll ich sagen? Es hat mir gefallen! Der Inhalt ist so, wie es der Titel vorhersagt: Eines Tages fällt Luther beim Kirschenpflücken von der Leiter und landet in unserer Gegenwart, wo er auf einen resignierten, pensionierten Pastor und eine jüdische Theologiestudentin trifft. Der eigensinnige Reformator entdeckt, dass sich in fünfhundert Jahren viele Dinge geändert haben und liefert sich hitzige Streitgespräche mit den Menschen der Zukunft. Er wird hinterfragt und lässt das auch zu, soweit es ihm möglich ist. Dabei wird er vom Autor weder verbogen noch idealisiert, es ist eine Art offenes in-die-Augen-sehen auf Augenhöhe, und er bringt die modernen Ansichten von heute mit den mittelalterlichen Gedanken von vor fünfhundert Jahren in einen Dialog, der für alle bereichernd ist.

Es gibt selten Bücher, die mich dazu bringen, spontan ein kleines Gebet einzuschieben, dieses hat es geschafft. Dazu kommt noch eine Prise Humor und Situationskomik, und schon kann ich mit bestem Gewissen sagen: Wer sich im Reformationsjahr auf eine neue Art mit Luther befassen möchte und keine große Lust hat, ihn im Original zu lesen, ist hier genau richtig.

Unterwegs mit der Freiheit

Hamburg, 13. Mai 2017, Reeperbahn, Große Freiheit

Was ist denn, Schatz? Du siehst nicht glücklich aus. Geht´s dir nicht gut?

Ach… du denkst, ICH wäre nicht glücklich, weil wir hier sind, auf der Reeperbahn? Aber warum sollte ich hier unglücklich sein? Es gibt hier nicht mehr und nicht weniger von mir als – ach, sagen wir in Blankenese oder Harburg. Glaub mir, du wüsstest das, wenn du hinter die Fenster sehen könntest.

Die Leute, die hier zum Feiern herkommen, sind freiwillig da. Gut, der ein oder andere wurde vielleicht von seinen Freunden gezwungen, aber die große Masse kommt, weil sie das so will. Beste Bedingungen für mich! Und die, die hier in normalen Geschäften arbeiten, sind auch überwiegend freiwillig da. Niemand zwingt sie zum Bleiben, für viele ist das hier Heimat, und sie lieben ihren Kiez.

Du hast allerdings Recht, hier gibt es auch Fälle, da bin ich wütend und möchte alle Ketten sprengen! Sofort! Da frisst mich die Ungerechtigkeit auf, aber trotzdem: Auf der Reeperbahn ist längst nicht alles unfrei.

Hm. Du siehst immer noch nicht glücklich aus. Habe ich etwas gesagt, das dir nicht gefallen hat? Weißt du, du sprichst hier nicht mit der Gerechtigkeit, oder der Gleichheit, und auch nicht mit der Moral, nein, mit der absolut nicht. Ich bin die Freiheit, mir geht es darum, dass Menschen ihre Entscheidungen, wofür auch immer, selber treffen dürfen.

Manche Menschen sagen, wenn es zu viel von mir gibt, endet alles im Chaos, aber du kannst dir denken, dass ich das anders sehe, oder? Und außerdem: Dafür gibt es ja die anderen, die Gleichheit und die Moral und die Gerechtigkeit und wie sie alle heißen.

Und jetzt komm, lass uns einen Kaffee zusammen trinken gehen, wer weiß, wie lange ich noch bei dir bin! Nimm dir die Freiheit!

(sie fasst mich am Arm und zieht mich kichernd mit sich fort)

Meine Freiheit

Hamburg, 13. Mai 2017, Altonaer Strand, Sand zwischen den Zehen

Meine persönliche, kleine Freiheit setzt sich aus vielen Einzelteilen zusammen. Aufstehen und den Platz wechseln dürfen, weil es zu warm ist, ist so ein Teilchen. Den Arbeitstag selber gestalten – wann mache ich was? Allgemeine Vorschriften sind wichtig, klar, aber innerhalb dieser Regeln möchte ich mich frei bewegen dürfen. Ich mag es nicht, wenn mir jemand unbedingt seine Sicht der Dinge aufdrücken will. Ein Beispiel: Warum darf ausschließlich nach einem System abgelegt werden? Wer sagt das? Gab es da einen Volksentscheid, den ich verpasst habe? Wenn aus einem Papierstapel zweimal im Jahr etwas gebraucht wird und dann nie wieder, warum soll ich dann auch noch innerhalb der einzelnen Buchstaben nach Alphabet ablegen? Eine Kleinigkeit, ja, aber solche Dinge möchte ich selbst entscheiden dürfen.

Freiheit setzt sich zusammen aus der Summe der einzelnen Entscheidungen, die ich selber treffen darf. Je weniger, desto weniger Freiheit. Kompromisse sind nötig, ja. Zusammenleben funktioniert sonst nicht. Aber Kompromisse um jeden Preis? Ich weiß nicht. Den Preis möchte ich eigentlich selbst bestimmen dürfen.

Zehn Dinge zu verstecken

Hamburg, 13. Mai 2017, Störtebecker-Höhle

  1. Die goldene Uhr für spätere, glückliche Finder.
  2. Ostereier natürlich. Immer wieder.
  3. Uns bei Schnitzeljagden.
  4. Den Rest Pudding, damit ihn keiner klaut.
  5. Zu verschenkende Bücher auf Zugplätzen oder verschwiegenen Bänken.
  6. Die alten Liebesbriefe.
  7. Die Briefe voller Offenbarungen.
  8. Einige meiner Gedanken.
  9. Kleine Zettel mit lieben Botschaften.
  10. Uralte Ablage, die eigentlich in den Keller müsste.

Ausgelesen: Die höchst wundersame Reise zum Ende der Welt. Von Nicholas Gannon.

Hatten Sie als Kind auch umfassende Pläne für große Expeditionen? Haben Sie auch Rucksäcke mit Sunkist und Keksen gepackt und sind über stillgelegte Bahnschienen ins Unbekannte aufgebrochen? Wenn ja, dann willkommen in unserem kleinen Club, und schon kann ich Ihnen dieses wundersame kleine Buch ans Herz legen.

Es geht um Pläne, um Geheimnisse, die sorgsam vor anderen versteckt werden,  um Persönlichkeit und vor allem um Freundschaft, ja, vor allem um Freundschaft und die Bereitschaft, für Freunde Wege zu gehen, die man aus eigenem Antrieb lieber großzügig meiden würde. Archer Helmsley ist ein Entdecker, wie seine Großeltern, die er allerdings nie kennengelernt hat. Dann passiert etwas: Bei einer Expedition zum Südpol verschwinden Archers Großeltern spurlos. Es bleibt ihm nichts anderes übrig: Er muss sie suchen gehen. Sein Freund Oliver und das Nachbarsmädchen Adélaide (eigentlich befinden sich auf dem I von Adélaide zwei Punkte, aber ich konnte den zweiten nirgendwo finden) helfen ihm zum Glück bei der Umsetzung seines schwierigen Plans. Und Hilfe hat Archer bitter nötig, denn seine Mutter lässt ihn seit dem Vorfall mit seinen Großeltern nicht mehr aus dem Haus…

Eine seltsam langsame, versponnene Geschichte wird hier auf 360 Seiten ausgebreitet, die Illustrationen des Autors verdichten den sanften Nebel, der wie über der misslungenen Expedition auch über den Protagonisten liegt. Ich hatte immer das Gefühl, die Figuren bewahren ihre Geheimnisse, nie wird alles offenbart, sie bleiben ganz bei sich und wir Leser sind nur Beobachter von außen. Das ganze spielt in einer Nachbarschaft, in der man gut leben könnte, wenn man wollte. Wer Freude an außergewöhnlichen Helden und Geschichten hat, wird hier glücklich werden.

Ich sehe was, was du nicht siehst

Hamburg, 13. Mai 2017, Altonaer Balkon

Dunstig hängt das Licht über dem Hafen, eine Ahnung von Blau zwischen den Wolken. Schafgarbenwellen duften, und tief unten schieben sich zwei Holzmasten an der Mole vorbei. Ein Brummen liegt über allem, ein leises Tosen; Hamburgs Hafen atmet. Dutzende Kranarme ragen wie ein erstarrtes Ballett in die weiche Luft, ab und zu glänzt ein Stück Stahl im Licht und sendet ein kleines Signal: Hier wird gearbeitet.

Über die Köhlbrandbrücke fahren winzige LKW, dahinter schieben drei Schornsteine Wasserdampf in den Himmel. Barkassen, ein Raddampfer und Segelschiffe ziehen vorbei, ab und zu wird ein Containerschiff behutsam geleitet. Das Wasser bewegt sich unablässig.

Hinter meiner Bank wird gejoggt, gegrillt und diskutiert, der Sandboden knirscht, wenn jemand vorbeigeht.

Es ist schön hier.

Ausgelesen: Die Auserwählten – Im Labyrinth. Von James Dashner

Dieses Buch war ein großer Wurf unter den Jugend-Dystopien und hatte viele begeisterte Leser. Die Verfilmung kam 2014 in die Kinos.

Mein Fazit: Sehr spannend, höchst interessante Idee, ideal für jugendliche Leser ab 12 Jahren. Auch geeignet für Erwachsene, aber die sollten sich keine lebensverändernden Impulse erwarten – es ist einfach ein spannendes Jugendbuch. Mir sind die Hauptpersonen nicht sonderlich ans Herz gewachsen und auch die harte, ungeschönte Sprache gefiel mir nicht wirklich, aber das Tempo des Romans lässt keine Reflexion zu – man liest und liest und fühlt sich ein bisschen wie auf der Achterbahn und dann ist es plötzlich zu Ende. Ich bin mir nicht sicher, ob ich die beiden Nachfolgebände auch noch lesen werde. Mal sehen.

Ausgelesen: Das große Krimi Lesebuch. Herausgeber George Hardinge

Ich wurde stilvoll unterhalten, ja, das kann ich genau so sagen. Die ganz Großen des Kriminalromans geben sich hier die Ehre, in ebenso schwarzhumorigen wie kurzweiligen Geschichten rund um alle Facetten des verfrühten Ablebens. Teilweise stockte mir der Atem, wenn wirklich jemand davonkam oder süffisant aus der Sicht des Mörders geschrieben wurde. Ich vermute, die Autoren hatten selber viel Spaß beim Schreiben dieser kleinen Kostbarkeiten.

Eine Geschichte reicht genau für eine 20 bis 25minütige Bahnfahrt. Selten bin ich besser unterhalten ans Ziel gekommen.